Meine Lieben,
wisst ihr noch wie es war, als ihr eure Zeugnisse in der Schule bekamt? Lang ist es her? Dennoch, das Zeugnisgefühl bleibt.
Eigentlich wissen wir als ehemalige Schülerinnen und Schüler alle wie das war. Obwohl sich vorher jeder ausrechnen konnte, was in diesem Schriftstück stand, war es doch jedes Mal ein Dokument, das uns schwarz auf weiß bestätigte, was im letzten halben Jahr in der Schule gelaufen ist.
Vor allem hieß es Farbe bekennen nach außen. Mag der Lehrer noch so doof gewesen sein, mag die Lehrerin einen noch so schlecht verstanden haben, jetzt war er da, der Tag der Abrechnung. Jetzt fragte keiner mehr wie es zu den Noten kam, jetzt hieß es Butter bei de Fische, deine vollbrachte Leistung.
Manche kassierte Geld für die Einsen und Zweien, mancher bekam mächtig Ärger wegen einer fünf. Was das bringen soll, verstehe ich heute noch nicht. Ich hatte mal eine fünf im Schwimmen, ohne Ärger. Meine Sportlehrerin sah es nicht ein, dass ich mit Gipsfuß keinen Freischwimmer mehr machen konnte. So ein Pech aber auch, dass ich das mit dem Knöchelbruch nicht rechtzeitig wusste, sonst wäre ich vorher einfach schneller geschwommen. Fünf ist fünf, da half kein Jammern, kein Verzagen. In den Sommerferien zog ich morgens um sieben Uhr im leeren Schwimmbad meine Bahnen, machte meinen Freischwimmer beim alten Schwimmmeister Schuster und hatte am Ende der Ferien einen wunderbar ausgeheilten Knöchel. Danke Frau Lehrerin, ist das Mindeste, was ich dazu noch heute sagen kann.
Mein Vater fiel mal fast in Ohnmacht, dass ich, die Nichtmusikerin als Tochter eines Orgelspielers eine fünf in Musik mit nach Hause brachte. Was für ein Bohei der häuslichen Zeugnisvorlage folgte, ist noch heute unvorstellbar. Wie sagte er so schön zu meiner Mutter: Gilla, das will ich aber auf dem nächsten Zeugnis nicht mehr sehen! Ich wusste gar nicht, dass sie auch eine fünf in Musik hatte. So war das in unserer Generation, meine Mutter und ich mussten gemeinsam unsere Köpfe für meine Musiknote hinhalten.
Dass ich in dem Jahr endlich die fünfer Gefilde in Englisch verlassen habe, in Mathe den guten dreier Bereich erreicht habe und in Deutsch glänzte, war nebensächlich. Ein Musikerkind mit einer Fünf in Musik war für meinen Vater nicht akzeptabel. Noten kann Kind lernen, aber nicht von ihm. Meine nicht Musiknoten feste Mutter und ich hatten auf dem Versetzungszeugnis im Sommer die Schulnote zwei. Da das selbstverständlich war, wurde es vom Papa nicht weiter beachtet. Da kann ich doch nur sagen, danke für dieses Verständnis.
Als ich nun im sozialen Netzwerk das gepostete Bild von Antenne Niedersachsen las:
Liebe Kinder,
wir lieben euch-
nicht eure Zeugnisse.
Eure Eltern
fühlte ich mich in alte Zeiten zurück versetzt.
Kam ich in meiner Zeit mit dem Zeugnis nach Hause, unterschrieb es meine Mama. Für den Papa blieb es auf dem Tisch liegen und abends verschwand es in meiner Schultonne um es am ersten Schultag nach den Ferien unterschrieben dem Klassenlehrer vorzulegen. Nach Mamas Unterschrift hieß es nur noch umziehen, aufgesessen auf das Fahrrad und losradeln ins Waldbad, das Schwimmbad, in dem wir den Großteil unserer Ferien verbrachten.
Mittlerweile liegen nicht nur meine eigenen Zeugniszeiten hinter mir, sondern auch die meiner Kinder. Ich war mir der Arbeit und des Schweißes bewusst, den so manche Zahl auf ihrem Zeugnis widerspiegelte. Manche stille Träne war bei den Jungs geflossen mit Hund oder Katze im Arm. Doch zum Schluss war alles gut.
Bei meinen Söhnen führte ich einen neuen Ritus ein. Das Zeugnisessen! Am Tag der Zeugnisausgabe durften die Kinder bestimmen, wohin es zum Essen gehen sollte. Ich hatte davon gelesen und diese Art des Ausklanges des jeweiligen Halbjahres gefiel mir total gut. So haben wir es dann 14 Jahre lang gehalten. Daran musste ich am Freitag denken als ich durch einen Radioreportage an den Tag des Zeugnisses in Nordrhein Westfalen erinnert wurde.
Ins MCes führte uns die Wahl der Söhne nur einmal, da wir, gefühlt, mit allen Kindern der Stadt in der Schlange standen um unser Happy Meal zu ergattern. Darauf hatten die Jungs nie wieder Bock. Manchmal gab es eine Currywurst, öfters mal eine Pizza und bei ganz besonderen Ereignissen wie Schulwechsel oder Abitur versammelte sich die gesamte Großfamilie im feinen Restaurant um das Ende eines Lebensabschnittes zu feiern und gemeinsam der spannenden Zukunft entgegen zu blicken.
Familie und ihre Liebe zum Kind ist es, die jeden Zeugnistag erträglich macht. Alles was gerade an diesem Tag zählt, ist die Liebe. Fühlt sich ein Kind am Zeugnistag allein, so wirft dies ein schlechtes Zeugnis auf die Familie. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, wir haben es getan.
Bis nächsten Montag,





